Das Wimmern wurde lauter.
„Hallo?“, rief sie leise in die Dunkelheit. Keine Antwort, nur das Raunzen eines kleinen Kindes. Sie verließ sich ganz auf ihr Gehör, folgte dem Geräusch. Im Wohnzimmer stand zwischen Umzugskartons und herumliegenden Kleiderhaufen ein Reisegitterbett. Sie trat näher. Im Bettchen bewegte sich etwas.

„Ich habe es gefunden. Gott sei Dank! Und es lebt. Nicht so, wie meine kleine Sarah.“Als sie sich dem Bett näherte, trat sie auf etwas Weiches, das unter ihren bloßen Füßen nachgab. Ihr wurde schlagartig heiß. Jetzt bemerkte sie auch den unangenehmen Geruch: süßlich und beißend. Gebrauchte Windeln. Das Atmen fiel ihr schwer. Armes Baby. Da lag es. Seine Augen blitzten ihr entgegen, es gluckste, als würde es sich freuen, sie zu sehen. Als würde es sie kennen.„Hallo, Mäuschen“, sprach sie zu dem winzigen Wesen. Wie schön sein Gesicht war, so perfekt. Kleine Hände ruderten in der Luft. Nimm mich raus, schienen sie zu sagen. Die Frau beugte sich hinunter. „Komm, mein Kleines!“, sagte sie, als sie es heraushob. Die Wut auf die Mutter war wieder da. Die Windel war übervoll, der Strampelanzug

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bereits vollkommen durchnässt. Durch eine der offenen Türen konnte sie die Küche erkennen. Ob sie jemals benutzt werden würde? Heutzutage konnten die wenigsten jungen Menschen kochen. Zumindest nicht Durch eine der offenen Türen konnte sie die Küche erkennen. Ob sie jemals benutzt werden würde? Heutzutage konnten die wenigsten jungen Menschen kochen. Zumindest nicht richtig.

 

Hinter der anderen war das Badezimmer. Hier würde sie vielleicht eine Wickelkommode finden. Sie blickte sich nach einem frischen Strampelanzug um, irgendwo musste doch etwas sein. So nass konnte das Baby nicht bleiben. Aber sie fand nichts. Das Kind lag in ihrem Arm. Es fasste nach ihren Haaren. Vor Freude zog sich ihr Herz zusammen, und sie musste lächeln. Wie lange war es her, dass sie so empfunden hatte? So viel Liebe, so viel Glück. „Na, du?“ Sie nahm sein Händchen, führte es zu ihrem Mund und drückte einen Kuss auf seine Finger. Es gluckste vor Vergnügen. „Mein Kleines, wo ist deine Mami? Ist sie fortgegangen?“Das Baby gluckste noch einmal. Es klang wie ein „Ja.“

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