Da fiel ihr auf, dass an einer Ecke die Naht aufgegangen war. Sie schob Zeige- und Mittelfinger in das Loch. Die Füllung war aus Rosshaar. Das erklärte auch das immense Gewicht. Wurden solche Matratzen heutzutage überhaupt noch hergestellt?
Auf einmal ertasteten ihre Finger etwas Metallisches. Sie klemmte das Ding zwischen ihre Finger und zog vorsichtig daran. Diese Aufgabe verlangte all ihr Feingefühl. Das Rosshaar schien sich um den Gegenstand gewickelt zu haben, wollte ihn nicht ohne Weiteres freigeben. Endlich hielt sie ihn in der Hand. Es war ein goldenes Kettchen mit einem kleinen runden Schutzengelanhänger. Ihre Hände zitterten, als Luisa ihren Fund genauer betrachtete. Das Beben erfasste ihren ganzen Leib und sie ließ sich kraftlos die Wand hinabgleiten. Wahrscheinlich gab es von diesen Anhängern Zigtausende. Es war einer, wie ihn Kinder zur Taufe oder zum Geburtstag geschenkt bekamen. Aber auf diesem war auf der Rückseite der Name Vivian eingraviert. In diesem Moment begann Luisa zu dämmern, dass er es nicht auf Lösegeld abgesehen hatte. Sie wünschte, sie hätte diese 

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Kette nie gefunden. Ihr Blick flog durch ihr Gefängnis, auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für das Schmuckstück. Aber es gab keins. Sie stellte sich vor, wie Vivian gesucht haben musste. Und ihren Triumph, als sie den Platz in der Matratzenfüllung ersonnen hatte. Ein Akt der Rebellion gegen ihren Widersacher, eine kleine Genugtuung, aber auch gleichzeitig ein Zeichen, dass sie keine Hoffnung gehabt hatte, jemals freizukommen. Luisa kannte die Fotos von Vivis Leichnam aus der Zeitung, wusste, wie er zugerichtet gewesen war. Und sie wusste, dass sie die Nächste sein würde.Sie stopfte die Kette in die schäbige Matratze zurück und schloss die Augen. Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Auch sie musste sich mit dem Unvermeidlichen abfinden, so wie Vivian vor ihr.

Er stieg die steile Treppe zum Keller hinunter und schloss die Stahltür auf.In dem Raum saß Luisa auf dem Bett und hatte die Arme eng um die angezogenen Beine geschlungen. Mit riesigen Augen starrte sie ihn an und begann zu schreien, als er die Tür hinter sich schloss.Leise sagte er: „Scht! Es wird alles gut.“ Sie rückte näher an die Wand, als böte

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