Gedankenverloren rührte ich um und kostete mit dem Löffel. Hätte sie es mir tatsächlich gesagt? Immer wenn Julia mich brauchte, war ich nicht bei ihr gewesen, fiel mir ein. Als ihr letzter Freund mit ihr Schluss gemacht hatte, musste ich auf meine kleine Schwester aufpassen, anstatt zu ihr zu gehen und sie zu trösten. Und nach einem heftigen Streit mit Sandra, als Julia meinen Zuspruch gebraucht hätte, saß ich in irgendeinem noch kleineren Kaff als Kleinhardstetten fest, weil meine Mutter sich eingebildet hatte, wir müssten Urlaub auf dem Bauernhof machen. Und was für ein Reinfall das gewesen war! Julia hatte mich zwar angerufen, aber das war halt nicht dasselbe, als wäre ich bei ihr gewesen. Und zuletzt war sie auch, als sie Melissa tot auf diesem Feldweg gefunden hatte, alleine unterwegs, weil ich mit Corinna Mathe lernen wollte. Julia meinte, sie würde die Zeit dazu nutzen, ihr Videoprojekt für Kunst fertigzumachen. Sie brauchte noch ein paar Aufnahmen von verschiedenen Sträuchern und Bäumen. Und während ich versuchte, Corinna Gleichungen zu erklären, stolperte Julia über Melissas Leiche. Claudia hatte gemeint, dass Julia

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seither nicht sie selbst gewesen war, aber Julia war nun mal nicht der Typ Mensch, der solch ein Erlebnis abschüttelte wie ein Hund das Wasser aus seinem Fell. Sooft ich mit ihr darüber sprechen wollte, blockte sie ab und wechselte das Thema. Ich hätte hartnäckiger sein sollen, hätte sie dazu zwingen müssen, sich mir anzuvertrauen. Schließlich war ich ihre Freundin. Ja und genau deswegen wolltest du sie nicht auch noch unter Druck setzen, rief ich mir ins Gedächtnis. Es war ja nicht nur, dass sie Melissa entdeckt hatte. Ihre Eltern fragten sie ständig, wie es ihr ging. Und einige Mitschüler hatten Julia pausenlos gelöchert. »Wie hat die Leiche ausgesehen? Hast du dich gegruselt?« Julia hatte diese blöde Fragerei sattgehabt, das war mehr als deut- lich gewesen. Und da wollte ich mich nicht auch noch einklinken in diese Mitleidsmasche. Sie wollte nur eines: dieses schockierende Erlebnis vergessen. Doch das konnte sie nicht. Sie wirkte fahrig und zittrig. Sie hatte Angst. Wovor genau, wusste sie auch nicht. Es ist ja nicht so, als würde eine Tote jemand verfolgen können. Dennoch hatte sich Julia ständig umgedreht, als würde irgendjemand plötzlich hinter ihr auftauchen.

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