mit freundlicher Genehmigung des Arena Verlages

 

Polog

 

Claudia zog die Jacke enger um ihren Körper. Was für eine blöde Idee, sich mitten in der Nacht am See treffen zu wollen. Zehn Minuten noch. Wenn er bis dahin nicht hier war, würde sie sich wieder zurück in ihr Zimmer schleichen, bevor sie von Frau Mitzke erwischt wurde. Die alte Kuh ließ einem nie etwas durchgehen. Aus dem Unterholz hinter sich hörte sie ein Knacken. Sie starrte in die Dunkelheit, konnte aber nichts erkennen. Wahrscheinlich war außer ihr noch jemand aus dem Internat geschlichen. Das machten die meisten ständig. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Die Ausgangsregeln waren ja echt mittelalterlich. Ab zehn durfte sich niemand mehr außer- halb des Gebäudes aufhalten, an den Wochenenden ab elf. Sie konnte es gar nicht mehr erwarten, endlich mit dem Abitur fertig zu sein und die Schule und das verhasste Internat zu verlassen.

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Nur vier Monate noch. Und bis dahin würde sie das Beste draus machen. Das Beste war, in dem Fall, Paul. Und der hätte bereits vor zwanzig Minuten hier sein sollen. Ein leises Fluchen ließ sie erneut den Kopf wenden. Da kam definitiv jemand. Instinktiv duckte sie sich hinter die Holzbank, die vor einem Wacholderstrauch stand. Es war auf jeden Fall besser, nicht gleich entdeckt zu werden.

 

Eine Gestalt erschien aus dem Gebüsch. Sie ging rücklings gebeugt, schien etwas Schweres zu ziehen, richtete sich auf, um den Rücken durchzustrecken, dann bückte sie sich wieder und schleppte ihre Last weiter Richtung See. Claudia brach trotz der Kälte der Schweiß aus. Es würde nur wenige Augenblicke dauern, bis dieser Jemand an ihr vorbeimusste. Sollte sie einfach losrennen? Oder ihn vielleicht selbstbewusst zur Rede stellen? 

 

Schon im nächsten Moment wurde ihr die Entscheidung abgenommen, denn das, was sie sah, ließ sie erstarren. Sie hielt beide Hände vor den Mund, um jedes Aufschluchzen zu unterdrücken.

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