in einem dieser alten Passbildautomaten aufgenommen hat- ten. Ich versuchte vergeblich, keinen Blick darauf zu werfen – es war ein spontaner Einfall von Julia gewesen, diese Bilder zu machen, dabei hasse ich Fotos von mir. »Auf Schwarz- Weiß-Fotos sieht man immer super aus, komm schon!«, hatte sie mich schließlich überredet. Das war vor Melissas Leiche gewesen. Ich räusperte mich und hielt es dem Kellner unter die Nase. »Entschuldige, aber hast du meine Freundin gestern hier gesehen?« Er schüttelte den Kopf, dass seine Rastazöpfe nur so flogen. »Nee, ich hatte gestern keinen Dienst. Sorry.« »Trotzdem danke.« Die Musik aus den Lautsprechern dröhnte in meinem Kopf und der Tee hatte mich ordentlich durchgeheizt. Ich fühlte mich schon besser, wenn auch meine Erkundigungen bisher mehr als dürftig gewesen waren. Ich steuerte den nächstbesten Tisch an, wo vier Leute saßen, die ich vom Sehen, nicht aber mit Namen kannte. »Hallo. Ich suche meine Freundin. Julia Mechat. Hat einer von euch sie gestern gesehen oder mit ihr gesprochen?« Die vier machten sich nicht einmal die Mühe, das Foto genauer zu betrachten, sondern schüttelten

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bloß wortlos den Kopf. Auf zum nächsten Tisch. Stephanie Irgendwer mit ihrer Clique. Sie hatte letztes Jahr die Schule abgebrochen. Wir hatten nie viel miteinander zu tun gehabt, ihre Freunde kannte ich gar nicht. »Hi Stephanie. Ich suche meine Freundin. Sie war gestern hier, ist aber nicht heimgekommen. Hast du oder deine Freunde sie vielleicht...?« Stephanie nahm das Foto von Julia in die Hand und betrachtete es näher. Dann schüttelte sie den Kopf und gab es weiter. »Nee, sorry, ich war gestern aber auch die ganze Zeit hinten. Ich hatte so einen guten Lauf beim Billard, Carla musste mir einen Drink nach dem anderen spendieren...« Sie grinste das Mädchen neben sich an, die ihr einen freund- schaftlichen Schubs gab. Sie schaute mich an und sagte lächelnd: »Ich hab deine Freundin leider auch nicht gesehen, habe ja die meiste Zeit an der Bar rumhängen müssen ...« Ich lächelte zurück, auch wenn mir ganz und gar nicht danach war, und biss mir auf die Lippen, während ich wartete, dass das Bild die Runde gemacht hatte. Kopfschütteln von allen. Aus dem hinteren Raum drang Gelächter und ich hörte Billardkugeln aneinanderstoßen.

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